22.04.2016

Lernprozesse anstossen, Ziele setzen und überprüfen, Kompetenzen ausbilden - oder: Vom Lesen von Texten im Gymnasium

Als ich den interessanten Beitrag von @phwampfler gelesen habe: „Nutzlose Bildung – ein Missverständnis“, hat mich eine Passage daraus intellektuell gejuckt:
„Lese ich mit einer Klasse einen Roman, dann muss ich angeben, welche Lernprozesse dabei angestossen werden. Ich muss mir als Lehrer Ziele setzen, überprüfen, ob die erreicht worden sind und letztlich immer Kompetenzen ausbilden – das bedeutet weder eine enge Vermittlung von Wissen oder eine Beschränkung auf wirtschaftlich nutzbare Fertigkeiten.“

Denn dieser Abschnitt hat mich an mich als Lehrer erinnert.

Wie viele Stunden Literaturunterricht habe ich als Französisch- und Deutschlehrer an einem Gymnasium „sauber vorbereitet“ gestaltet und "Lernprozesse angestossen"! Mit klugen Zielsetzungen, adäquaten Fragen, attraktiven Arbeitsblättern, kundigen Einführungen in Verslehre, Textanalyse und -interpretation versuchte ich jahrelang meinen Studierenden Texte „näher zu bringen“, wenn nicht gar „ans Herz zu legen“. Mein didaktisches Gewissen war rein, die Noten, welche die Schüler/-innen in den entsprechenden schriftlichen Arbeiten erreichten, lagen meist in einem annehmbaren Bereich, die Literaturwelt war in Ordnung.
Bis auf dieses mein ungutes Gefühl, das sich bei solchem Tun hartnäckig meldete; bis auf diese innere Stimme, die mir immer wieder zuraunte: „Das geht doch so nicht. Das kannst du doch nicht machen! So verdirbst du jungen Menschen die Freude am Lesen von Texten!“

Eines Tages (lange, lange vor Ruf/Gallins „Lernen auf eigenen Wegen“) nahm ich dieses Gefühl und diese Stimme ernst und organisierte alles anders: Nichts mehr von dem, was Philippe oben schreibt, sondern, zum Beispiel: ein Gedicht. Nur ein Gedicht. Keine Einführung, keine Verslehre, keine Dichterbiografie, kein Textanalyseraster, kein Arbeitsblatt. Nur der blosse Gedichttext. Und die Einladung, wenn möglich etwas dazu zu schreiben, gelegentlich. Oder, später dann, einen Beitrag dazu auf BSCW zu setzen, so dass er für alle ersichtlich wäre und kommentiert werden könnte. Und noch später die Bitte, das Gedicht selber auszuwählen und zu bringen etc. 
Als (unsichtbares, ungenanntes) Lernziel also vielleicht nur: Lesen Sie doch diesen Text und äussern Sie sich dazu, wenn Sie mögen. Oder, auf mich umgelegt: Du sollst die (eventuelle) Lust (oder sonst halt: Unlust) der Studierenden am Text nicht verderben! Du sollst ihnen die unverstellte Begegnung mit dem Text ermöglichen! Die Lektüre soll zweckfrei sein!

Ich bin grundsätzlich sehr einverstanden mit Philippes obigen Aussagen – aber vielleicht muss ich das, was er da beschreibt, nicht für jeden Text, den wir uns in der Schule vornehmen, tun!? Ich habe jedenfalls erleben dürfen, dass junge Menschen, die früher brav die von mir angestossenen Lernprozesse durchlaufen und die entsprechenden Zielüberprüfungsanlässe erfolgreich bewältigt haben, plötzlich viel intensiver zu reden und zu schreiben begonnen haben. Sie haben das Abenteuer der Begegnung gewagt (es war noch die Zeit vor Google) und sind – ohne meine tollen Arbeitsblätter, klugen Hinweise und sauber notierten Lektionsziele – weit gekommen, sehr weit, oft viel weiter als ich. Und meist nicht nur dahin, wohin ich sie früher gemeint habe begleiten zu müssen. Sondern zu ihrem – unverstellten – Verständnis eines Textes.

Wenn ich das alles jetzt durchlese, finde ich plötzlich, dass sich das von Philippe oben Gesagte wahrscheinlich auch auf solche von mir beschriebenen "Textspaziergänge" beziehen lässt?
(Ich schalte das mal auf, auch wenn es noch längst nicht der Weisheit ...)

1 Kommentar:

Philippe Wampfler hat gesagt…

Mir gefallen diese Gedanken sehr. Gleichwohl hat die Lektüre im Unterricht ja eine andere Qualität als die völlig freie Lektüre - es ist etwas anderes, ob Gedichte im Unterricht vorgestellt werden oder privat gelesen werden. Wenn ich als Lehrperson also auch in der freiesten Art einen Lektüreprozess begleite, muss ich doch sagen können, wozu das gut ist. Das meine ich grundsätzlich mit meinem Post. Nicht ein komplexes didaktisches Arrangement.

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