25.04.2017

Vom schöpferischen didaktischen Sprung

Heute Morgen treffe ich mich mit einem Freund im Café. Wir reden ausführlich über ein Thema, das uns seit genau 20 Jahren beschäftigt: Die Didaktik im Allgemeinen und die Didaktik des ICT-Einsatzes im Gymnasialen Unterricht im Besonderen (siehe dazu auch unser Buch ). Im Verlauf dieses Gespräches kristallisieren sich bei mir folgende Thesen und Fragen heraus (vermutlich nach dem Motto: Wie kann ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage?):
  • Der Übergang vom konventionellen Unterricht zu Projekt orientiertem, selbst gesteuertem Unterricht ist kein Übergang für die Lehrpersonen, sondern ein Sprung (analog dem von 0 auf 1).
  • Es gibt Lehrpersonen, die diesen Sprung wagen – andere wagen ihn nicht:
    - Welches sind die Gründe für die einen und für die anderen: Ist es eine Sache des Lehrer-Typs? Der beruflichen Motivation? Der Infrastruktur der Schule? Des kollegialen Umfelds?
    - Gibt es Bedingungen (innere, äussere), welche diesem Sprung förderlich sein könn(t)en?
  • Seit zwanzig Jahren werden Weiterbildungskurse zur Technik und zur Didaktik des ICT-Einsatzes durchgeführt; Hunderte von Lehrpersonen haben sie durchlaufen: Waren (sind) diese Kurse nachhaltig? Gibt es Untersuchungen über die Wirksamkeit und die Nachhaltigkeit solcher Weiterbildungen?
Verena Kast hat 1987 ein Buch vorgelegt mit dem Titel: Der schöpferische Sprung. Um einen solchen Sprung dürfte es meiner Ansicht nach gehen, wenn eine Lehrperson ihre Didaktik wesentlich umstellt (also nicht nur mit Gruppenarbeitsphasen ergänzt oder gelegentliche Gesprächssequenzen im Kreis einführt). Dieser Sprung wurde zwar in der Fachliteratur inzwischen vielfach beschrieben, häufig in Form eines Anforderungskatalogs dessen, was Lehrpersonen, die „modern“ unterrichten wollen, drauf haben müssen an methodischem und technischem Wissen (eine aktuelle Illustration liefert auch Beat Döbeli Honegger in seinem Referat mit – über – trotz vom 17. 3. 2017 – siehe nebenstehende Folien). Dieser Sprung scheint indes für manche Lehrpersonen (zu) schwierig zu sein – aus Mangel an Mut? Wegen fehlendem Interesse an didaktisch Neuem („bis jetzt hat ja alles gut funktioniert!“)? Aus Angst vor so etwas Diffusem wie Kontrollverlust?
Wer bereit ist, die inneren Bilder von sich als Lehrer*in und von den Schüler*innen zu verändern, wer vertieft(er) über die bisherige persönliche Interpretation des Berufsauftrages nachdenkt, der fasst sich vielleicht erst recht ein Herz und wagt den schöpferischen Sprung ins (vorerst) kalte Wasser einer anderen Didaktik?!
Aber was genau braucht es, damit dieser Sprung gewagt wird?

Kommentare:

Peter Gloor hat gesagt…

Lieber Theo, vielen Dank für diese Gedanken und das auf den Punkt-bringen. Aktuell erlebe ich, wie sich die Didaktik von Lehrpersonen im Kern nicht wesentlich verändert, aber der Einsatz der Technologie durchsetzt. In und an vielen Schulen und Institutionen sind die technischen Hürden weit tiefer, unkomplizierter geworden und nahezu alle Lehrpersonen arbeiten mit irgend welchen digitalen Geräten. Schülerinnen und Schüler haben gegen 100% ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop. WLAN ist überall.
Dies die eine Seite, die andere: Es gibt nun tatsächlich Apps, vor allem auch webbasierte Anwendungen, die ICT-Einsätze in Unterrichtsstunden ohne grosse Verzögerungen und Installationen ermöglichen - dazu sogar in verschiednenen Fächern sehr gute Inhalte, Themen, Aufgaben und Fragestellungen. Beliebt z.B. Learningapps.org, Quizlet, Kahoot. Ich sage salopp: Im Moment die Renner.
Die Didaktik und Methodik? Nach wie vor scheinen die Lehr- und Lernkonzepte der Lehrpersonen durch ihre eigene Schul- und Lernbiographie stark geprägt. Interessant ist z.B., wenn versucht wird, die Lehrpersonen zu sensibilisieren und weiterzubilden und dies quasi im Web1.0-Format geschieht. Der Clou: Die Verpackung ist Webx.0, ein MOOC, schau einmal rein unter https://www.coursera.org/learn/teachingscience (Teaching Science at University): "Dieser MOOC nimmt Sie mit zu einer Reise, auf der Sie eine exzellente Lehrperson in naturwissenschaftlichen Fächern werden können! Sie werden lernen, Ihre Lehrkompetenz zu verbessern und Ihre Studierenden zum Erfolg zu führen." Der Inhalt ist aktuellste und modernste Didaktik, echt gut. Methodisch: Gute, gefilmte Referate und einige Aufgabenstellungen. Die MOOCs ermöglichen mir tatsächlich selbstorganisiertes Lernen. Wenn die inhaltliche Qualität derartig steigt, dass Lehrpersonen dies breit anerkennen oder sie z.B. selber das Fachliche nicht mehr selber beherrschen, dann werden sie möglicherweise offener sein, die Unterrichtsform zu ändern :-) - vielleicht.
So lange ich über eine derartige Fachausbildung verfüge wie ich sie in den naturwissenschaftlichen Fächern zu haben glaube, werde ich das Zepter nicht so einfach abgeben: Bei nahezu jedem MOOC oder andern Webressourcen, den/die ich bisher in meinen Fächern gesehen habe, dachte ich still: Das kann ich selber produziert effizienter und situativ stimmiger... du weisst natürlich, dass ich trotzdem sehr wohl im Rahmen meiner Didaktik viele Elemente von MOOCs nutze, halt auf meine Art und das macht Spass und den Beruf über Jahre spannend und interessant: Ein Hoch auf die Lehrfreiheit!

Theo Byland hat gesagt…

Danke, lieber Peter, für deine Sicht der Dinge und deine Erfahrungen in Aus- und Weiterbildung!
Beim Lesen habe ich mich gefragt, warum du, warum ich diesen schöpferischen Sprung (siehe Blog) gewagt haben irgendwann. Gibt es ein Urmotiv? Gibt es klar benennbare Gründe? Haben wir überhaupt je springen müssen? Wir kommen ja von ganz unterschiedlichen Seiten her (du bist Nat'wissenschaftler und ich Geisteswissenschaftler; du warst ursprünglich Primarlehrer und Fussballkünstler, ich nix weiter), haben aber trotzdem (oder deswegen? erst recht?) gemeinsame (didaktische) Anliegen. Das hat unsere Zusammenarbeit immer befruchtet und den empathischen Blick auf das Tun anderer verstärkt. Ja: Warum ist für uns die "moderne Didaktik" so selbstverständlich?

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