21.03.2019

Auf Schulbesuch


Impressionen von einem Gang durch eine Schweizer Bildungslandschaft


Letzthin war Besuchstag in der Schule, die meine Enkelinnen L (5. Klasse Primar) und A (2. Klasse Primar) besuchen. L hatte ihren Opa eingeladen – also ging er erwartungsvoll hin, um wieder einmal eine Prise der Luft zu schnuppern, die er, als Schüler aller Stufen und dann als Lehrer in diversen «Häusern des Lehrens und Lernens» (wie einer seiner ehemaligen Rektoren Schulhäuser zu nennen pflegte) geatmet hatte.

13.40 Uhr. Der Gong ertönt. Die Kinder eilen ins Schulhaus, um bei Lektionsbeginn fünf Minuten später an ihren Plätzen zu sitzen. Ich schliesse mich ihnen gemächlich an und gehe ins Zimmer 5, wo A die erste ihrer beiden Nachmittagslektionen zu absolvieren hat. Dank der Beschreibung, die mir meine Enkelin am Telefon geliefert hat, finde ich es auf Anhieb. Die Lehrerin sitzt am Pult, umlagert von Kindern; ich setze mich nach hinten auf einen der für Besucher vorgesehenen Stühle und schaue. Das Schulzimmer ist eines von früher: eine Seite als Fensterwand gestaltet, vorne Wandtafel und Hellraumprojektor, seitlich und hinten Wände mit aufgehängten Zeichnungen, Fotos und – eher neueren didaktischen Datums – Klassenregeln, deren oberste lautet: «Wir hören einander zu.» Prima, denke ich, und bin tatsächlich erstaunt, wie schnell die Kinder beim offenbar vereinbarten feinen Zeichen, das die Lehrerin mit einem kleinen Gong gibt, still werden und sich mit verschränkten Armen hinsetzen. Unwillkürlich denke ich an Urs Ruf und Peter Gallin, die seinerzeit postuliert hatten: «Unterrichten beginnt nicht mit reden, sondern mit zuhören.»

An der Wandtafel erläutert die Lehrerin, Frau B, die Aufgabe anhand einiger aufgehängter Bilder aus einem Bilderbuch von Janosch, «Tiger und Bär»: Es gilt, auf einem Zeichenblatt A4 eine Szene zeichnerisch darzustellen, welche der Tiger und der Bär analog zu den im Buch dargestellten Momenten zusammen erleben könnten. Die Kinder schlagen zuerst solche Szenerien vor: die Hände schiessen in die Höhe, die Lehrerin ruft diese Schülerin oder jenen Schüler auf. Irgendwann werden die Blätter verteilt, die Filzstifte gefasst; das Zeichnen beginnt.

Ich schaue zu und stelle fest, dass fast alles noch genau so ist und abläuft, wie ich es als Schüler , später als Vater und als Mitglied einer Schulbehörde bei unzähligen Schulbesuchen erlebt habe: Der einzige (karg bemessene) Spielraum findet sich vorne zwischen Wandtafel und erster Bankreihe, die Bestuhlung ist frontal, der einzige Mensch, der sich frei im Raum bewegen darf, ist die Lehrerin, und nach wenigen Minuten «freier» Arbeit meldet sich bereits ein Knabe und sagt betrübt: «Frau B, mir fällt nichts sein!»

Für mich Zeit, mich auf den Weg zur anderen Enkelin zu machen.

Ich nehme mir unterwegs Zeit und schiesse einige Fotos, um die Atmosphäre dieses Schulhauses einzufangen; wie sich zeigt, sieht es in diesem Bildungshaus (passt die Bezeichnung?) sehr ähnlich aus wie in den Schulhäusern, die ich erlebt und besucht habe. Es ist die vermutlich Länder übergreifende ordentliche Unordnung, die in den Gängen herrscht, gepaart mit dem manchmal fast verzweifelt anmutenden Versuch, die herrschenden Verhältnisse, sprich die gegebene Architektur und die Zeitorganisation ein bisschen zu verschönern, den Bildungsappell, den sie ausstrahlen, etwas abzumildern, die pädagogische Aura ein wenig aufzuhellen. Insgesamt bekomme ich den Eindruck von notdürftig gezähmter und gestauter Energie, von gedeckelter Kreativität; das freie Atmen fällt mir schwer.

Einen Stock höher finde ich das Zimmer, wo meine Enkelin L eine Französisch-Lektion geniesst; ich trete behutsam ein und setze mich auf einen Stuhl neben der Türe, die sich an der hinteren Wand des Zimmers befindet. Erster Eindruck: Wie ist dieses Zimmer vollgestellt! Zwar sind die Schülerpulte andeutungsweise in einem U angeordnet; die Grösse der Klasse verlangt es aber, dass der sich im Prinzip ergeben könnende Zwischenraum ebenfalls mit Tischen zugestellt werden muss. Auf die Leinwand vor der Wandtafel wird der Bildschirm des Laptops projiziert; zu sehen ist ein Ausschnitt einer Lehrbuchseite: Links eine Zeichnung, rechts zu füllende Linien. Es geht um Gemüse und Früchte, zu lernen ist, nebst «ananas» und «fraise», auch das (auf dieser Stufe völlig abstruse) Wort «clou de girofle» (Gewürznelke). Jedem Gemüse / jeder Frucht links ist das fragliche Wort zuzuordnen. Die Lehrerin – ich entdecke sie in der Mitte neben dem auf dem Hellraumprojektor platzierten Laptop und dem Beamer sitzend – geht Zeile um Zeile vor, fragt nach dem Wort, wählt eine der aufgestreckten Hände aus, quittiert das vorgeschlagene Wort und schreibt es auf ihrem Laptop auf die passende Zeile, so dass es auf der Leinwand erscheint. Allerdings ist der Text von meinem Platz aus kaum zu lesen; der Beamer steht zu nah an der Leinwand, es bräuchte eine Deckeninstallation. Wundern tue ich mich insbesondere über die Sprache der Lehrerin: ein Gemisch aus (Basler) Mundart, Hochdeutsch und Französisch. Immerhin wird diese Übung abgerundet mit drei kurzen Audiotexten, wo eine frankophone Männerstimme die Begriffe nochmals vorliest. Den Schluss der Lektion bildet ein Lied, welches die Wochentage in einer schmissigen Melodie versammelt – allerdings hat der Gong schon längst das Zeichen zur Fünfminuten-Pause gegeben, die folglich nicht mehr stattfinden kann. Dabei täte gründliches Lüften dringendst Not. Hat nicht jüngst eine Studie nachgewiesen, dass die Luft in Schulzimmern meist von jämmerlicher Qualität ist und die mentale Arbeit zusätzlich erschwert?

Auch hier ziehe ich ein ernüchterndes Fazit: Es ist nichts zu sehen und zu spüren von einem mitreissenden, schwungvollen Fremdsprachunterricht. Ein trockenes Frage-Antwort-Spiel wird abgespult, die neu zu erwerbenden Wörter bleiben isoliert stehen, werden in keinen (sinnvollen) Kontext gesetzt, finden keine Anwendung. Die Tätigkeit der Kinder erschöpft sich im Aufschreiben und dem im Glücksfall isolierten Aufsagen eines Wortes. Die Lektion läuft durch und durch mechanisch ab, auch wenn die Lehrerin mit kräftiger, aufmunternder Stimme führt. Kein Wunder, hat mich meine Enkelin vor der Stunde gewarnt: «Opa, du kommst am besten nicht – es ist soooo langweilig!» Sie hat leider recht.
Ob die Lehrpersonen mit Lehrplan, Lehrbuch und Zeitplan quantitativ derart überfordert sind, dass für eine kreative Didaktik kaum mehr oder keine Zeit bleibt? Was erleben die Schüler*innen? Als was müssen sie sich vorkommen? Warum hat sich in den sechs Jahrzehnten (!) zwischen meiner Schulzeit und heute in vielen Schulhäusern quasi nichts geändert? Warum werden die Erkenntnisse der Lehr- und Lernforschung nur zögerlich, wenn überhaupt zur Kenntnis genommen respektive umgesetzt?


Zeitgemässer Unterricht geht anders, ist jedoch möglich. Warum aber …?

Reflexion tut folglich not. Zum Beispiel anhand des Wandbilds in diesem Schulhaus oder eines Gedankens von Jean Piaget: «Es ist nicht die Aufgabe des Unterrichts, den Kindern etwas beizubringen, sondern sie zum Mittun und zum Selbermachen anzuregen. Das Kind soll aktiviert, nicht konditioniert oder programmiert werden,und das gelingt nur, wenn man seine natürlichen Neigungen genau kennt, an seine Interessen anknüpft und seine Fantasie mobilisiert.»


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